Leseprobe 1

(Aus: Mark Hertsgaard, Expedition ans Ende der Welt - Auf der Suche nach unserer Zukunft. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer, Frankfurt am Main 1999. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages.)


Als ich im Dezember 1996 nach Chonqing kam, waren die Sichtverhältnisse ein wenig besser. Eines Morgens - ich saß hoch über dem Jialing und starrte in das vor mir liegende, dumpfe Grau - konnte ich schwach einen schwarzweißen Schlepper ausmachen, der sich dicht am gegenüberliegenden Flußufer hielt, und dahinter erkannte ich Umrisse, die wie Bürogebäude aussahen. Das war die Rückansicht der Papierfabrik von Chongqing, eines gewaltigen Staatsunternehmens, das örtliche Umweltschutzbeamte gern herausgriffen und als Beleg dafür anführten, wie sauber sie Chongqing gemacht hatten. Die in den vierziger Jahren erbaute Fabrik war lange Zeit eine entsetzliche Quelle von Verschmutzungen gewesen: Sie hatte so viel Chlor und andere giftige Chemikalien in den Jialing geleitet, „daß der ganze Fluß von weißem Schaum bedeckt war", so ein Beamter der Umweltschutzbehörde von Chongqing, der namenlos bleiben muß. Jetzt aber habe man die Fabrik „im wesentlichen dichtgemacht", so hatte der Beamte in einem Interview geprahlt.

An der Fabrik selbst sah es aber nicht danach aus. Der Beamte hatte mir von einer Besichtigung abgeraten: „Selbst ich müßte eine Genehmigung beantragen, um hineinzukommen", schimpfte er. Als ich aber am nächsten Morgen zusammen mit meinem Dolmetscher Zhenbing zu der Fabrik kam, stand das Eingangstor offen. Da uns niemand aufhielt, spazierten wir einfach hinein, taten geschäftig und versuchten so auszusehen, als gehörten wir dazu - wie ein neuer Investor aus dem Westen und sein treuer Dolmetscher, die im modernen China nach Geschäftsverbindungen suchten.

Hinter der Einfahrt der Fabrik wandte sich die Straße nach rechts, an ordentlich gestapelten Bambusrohren und Pappkisten vorüber, die bereitlagen, um zu Zellstoff verarbeitet zu werden. Nach einem Spaziergang von fünf Minuten standen wir an der Rückseite der Fabrik, die an den Felsen hoch über dem Fluß grenzte. Ein junger Arbeiter, der die Heizkessel mit Kohle fütterte, war zwar offensichtlich verblüfft über mein weißes Gesicht, gab mir aber fröhlich Auskunft: Die Fabrik sei tatsächlich noch in Betrieb, aber heutzutage arbeite nur ein Viertel ihrer 8000 Beschäftigten. Was der Grund für die Kurzarbeit sei, wisse er nicht genau - vielleicht die Marktwirtschaft?

Eine lange Reihe von Betonstufen führte von der Rückseite der Fabrik hinunter zu dem etwa 70 Meter tiefer gelegenen Fluß. Als wir die Treppe etwa zur Hälfte hinuntergestiegen waren, gingen Zhenbing und ich nach links quer über die offene Uferböschung, wobei unsere Schuhe auf dem dunklen Sandboden deutliche Abdrücke hinterließen. Wenige Augenblicke später sahen wir vor uns einen breiten, blubbernden Wasserlauf, der den Abhang hinunterstürzte. Kurz darauf drang uns der erstickende Geruch von Chlor in die Nase, und als wir den Bach erreichten, war der Gestank so stark, daß wir sofort umkehren mußten. Weiter unten, wo sich das Abwasser der Fabrik in den Jialing ergoß, breitete sich auf dem langsam fließenden Fluß eine schaumige weiße Masse aus.

(...)

Aber das alles waren Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was noch vor uns lag. Zuerst sahen wir den Dampf - dünn und weiß hing er tief in der Luft wie Tränengas. Beim Näherkommen hörten wir das Geräusch von fließendem Wasser. Aber erst als wir nur noch wenige Schritte entfernt waren, erblickten wir die Quelle der Unruhe: Ein riesiger, tosender weißer Sturzbach, bestimmt 30 Meter breit, ergoß sich von der Rückseite der Fabrik den Hang hinunter wie ein Wasserfall aus kochender Milch. Wieder war der Chlorgeruch unverkennbar, aber dieser Wasserfall war viel weißer als der erste. Das Gestein war nach jahrzehntelanger ungebremster Entsorgung mit einem sahneähnlichen Überzug bedeckt, so daß sich ein Weiß-in-Weiß-Effekt von perverser Schönheit ergab. Über uns hatte der Wasserfall die Bäume zur Seite gedrängt; weiter unten gabelte er sich in fünf Arme, bevor er sich in den unseligen Jialing ergoß. Und bei alledem arbeitete die Fabrik nur mit einer Kapazität von 25 Prozent!

In der Hoffnung, wir könnten die Fabrik durch ein anderes Tor verlassen als auf dem Hinweg, stiegen Zhenbing und ich auf einem morastigen Pfad den Abhang hinauf. Schon bald gelangten wir zu einem kläglichen Bauwerk aus Ziegeln und gewelltem Kunststoff. Der Dampf des Wasserfalls wehte durch die Türen des Gebäudes, vorüber an Wänden, die im Laufe der Jahre ein kränkliches Weiß angenommen hatten. Davor stand ein rotes Sofa ohne Beine, und auf einer Wäscheleine hing ein blaue Nylon-Trainingshose. Von Neugier getrieben, spähte ich ins Innere: Dort entdeckte ich keine Spur von Möbeln oder elektrischem Licht - nur ein paar schmierige Schlafmatten und dünne Decken hatte man in eine Ecke geworfen, und daneben lag etwas, das wie Kochgerät aussah. Daß an einem solchen Ort Menschen lebten, schien unmöglich, aber gerade als ich ein Foto gemacht hatte, trat ein junger Mann mit ungekämmten Haaren auf der anderen Seite aus dem Haus, um sein Bedürfnis zu erledigen. „Das hier ist die ärmere Klasse", erklärte Zhenbing.

Der schlammige Pfad mündete schließlich auf eine Fahrstraße, die uns einen Weg nach draußen zu bieten schien. Aber Zhenbing und ich waren erst ein paar Meter die Straße entlanggegangen, da lief auf einmal ein Mann in dem olivgrünen, knöchellangen Mantel der chinesischen Armee auf uns zu. Es schien, als sollte unsere unerlaubte Fabrikbesichtigung doch noch ein böses Ende nehmen.

Aber wie sich herausstellte, ist es mit den Militärmänteln ähnlich wie mit den Mao-Jacken: Viele arme Chinesen ziehen sie an, weil sie billig und praktisch sind. Dieser Mann hier hatte jedenfalls seine eigenen Sorgen. Aus zwei dicken, locker miteinander verbundenen Schläuchen neben der Straße quoll Flüssigkeit; der eine führte aufwärts zur Fabrik, der andere nach unten in Richtung des Flusses. Der Mann schrie zwei Arbeitern, die breitbeinig über den Schläuchen standen, Befehle zu, und sie traten zurück. Dann, ohne ein Wort der Warnung an Zhenbing und mich - obwohl wir keine anderthalb Meter entfernt standen - kniete der Mann sich hin und dichtete die Verbindung zwischen den beiden Schläuchen ab.

Er war sofort von ausströmendem Gas eingehüllt. Aber damit hatte er gerechnet: Mit einer einzigen gleitenden Bewegung richtete er sich auf und begann zurück zum Fahrweg zu rennen, wo er nach zwei Schritten in der wabernden Chlorwolke verschwunden war. Zhenbing und ich hatten nicht mit einem solchen Ausbruch gerechnet, und jetzt konnten wir nur die Flucht nach vorn antreten: Wir hielten den Atem an und liefen ihm nach. Sechs schnelle Laufschritte später hatten wir das Schlimmste hinter uns, aber als wir unser Tempo auf ein flottes Gehen verlangsamten, um nicht mehr als nötig von dem Gas einzuatmen, umwehte es uns nach wie vor in dichten Schwaden.

(...)

Zhenbing und ich gingen schweigend zum Nebenausgang der Fabrik und verließen sie ohne weitere Zwischenfälle. Wir befanden uns in der Mitte einer sechswöchigen Reise durch China, auf der wir die Umweltkrise in Zhenbings Heimat untersuchen wollten - eine Aufgabe, die alles andere als erfreulich war. In Beijing, Xi'an und anderen Städten im Norden des Landes waren wir durch eine so von Kohlenrauch und Autoabgasen geschwängerte Luft gegangen, daß selbst Sonnentage bewölkt und neblig erschienen. In der knochentrockenen Provinz Shanxi, eine Tagesreise westlich von Beijing, waren wir einen in ganzen Nachmittag lang mit dem Zug gefahren, ohne irgend etwas zu sehen, was einem Wald geähnelt hätte - nur ein paar verstreute, dürre Bäume kurz vor dem Absterben. Überall, so schien es, war das Land kahlrasiert, das Wasser verseucht, die Luft giftig und dunkel.