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Leseprobe 2 (Aus: Daniel Dennett, Darwins gefährliches Erbe , aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1997. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlages. Copyright für die deutsche Ausgabe 1997 by Hoffmann und Campe, Hamburg. Copyright für die amerikanische Originalausgabe 1995 by Daniel Dennett.) Achtung: Die Rechte an dieser Übersetzung stehen wieder zum Erwerb zur Verfügung! |
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Ist nichts heilig? Als ich klein war, sangen wir viel: im Sommerlager am Lagerfeuer, in Schule und Sonntagsschule, oder zu Hause, zusammengedrängt um das Klavier. Eines meiner Lieblingslieder war "Tell Me Why". (Für diejenigen, deren persönliche Erinnerungen diesen kleinen Schatz noch nicht umfassen, enthält der Anhang die Noten. Die einfache Melodie und die leichte zweite Stimme sind von überraschender Schönheit.) Tell me why the stars do shine, Tell me why the ivy twines, Tell me why the sky's so blue. Then I will tell you just why I love you. Because God made the stars to shine, Because God made the ivy twine, Because God made the sky so blue. Because God made you, that's why I love you. Diese schlichte, gefühlvolle Liebeserklärung läßt mir noch heute einen Kloß im Hals hochsteigen - es ist eine so süße, so unschuldige, so beruhigende Sicht des Lebens! Und dann kommt Darwin daher und macht die ganze Idylle kaputt. Oder nicht? Darum geht es in seinem Buch. Seit 1859, als Die Entstehung der Arten erschien, hat Darwins Grundidee immer wieder heftige Reaktionen ausgelöst, von wütender Verdammung bis zu begeisterter Gefolgschaft, die manchmal fast an religiösen Fanatismus grenzte. Darwins Theorie wurde von Freunden und Feinden gleichermaßen mißbraucht und falsch dargestellt. Man wandte sie falsch an, um entsetzlichen politischen und gesellschaftlichen Lehren einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Die Gegner stellten sie, zur Karikatur verzerrt, an den Pranger, und einige von ihnen ließen sie in den Schulen in Konkurrenz zur "Schöpfungswissenschaft" treten, einem pathetischen Kuddelmuddel frömmelnder Pseudowissenschaft. Darwin läßt fast niemanden kalt, und das sollte er auch nicht. Der Darwinismus ist eine wissenschaftliche Theorie, und zwar eine ganz große, aber das ist noch nicht alles. Die Kreationisten, die sie so erbittert bekämpfen, haben in einem Punkt recht: Darwins gefährliche Idee schneidet viel tiefer in das Geflecht unserer tiefsten Überzeugungen ein, als viele ihrer überzeugtesten Fürsprecher bisher sogar sich selbst gegenüber eingestanden haben. Die süße, einfache Vorstellung in dem Lied ist in ihrer wörtlichen Bedeutung etwas, das die meisten von uns hinter sich gelassen haben, so liebevoll wir uns auch daran erinnern. Der freundliche Gott, der jeden einzelnen von uns (alle Geschöpfe, große und kleine) voller Zuneigung geformt hat und der den Himmel zu unserer Freude mit leuchtenden Sternen übersät - dieser Gott ist wie der Weihnachtsmann ein Kindheitsmythos, an den ein geistig gesunder, illusionsloser Erwachsener in dieser Form nicht glauben kann. Ein solcher Gott muß entweder in ein Symbol für etwas weniger Konkretes verwandelt oder völlig verworfen werden. Nicht alle Wissenschaftler und Philosophen sind Atheisten, und wenn sie gläubig sind, erklären sie vielfach, ihr Gott könne mit dem Darwinschen Denkgebäude in friedlicher Koexistenz leben oder werde davon sogar unterstützt. Ihr Gott ist nicht der Schöpfer in Menschengestalt, aber er ist in ihren Augen immer noch anbetungswürdig, weil er ihrem Leben Trost und Sinn gibt. Andere gründen ihre tiefsten Überzeugungen auf eine ganz und gar weltliche Philosophie, auf Ansichten über den Sinn des Lebens, welche die Verzweiflung abweisen, ohne sich dafür der Vorstellung von einem Höchsten Wesen zu bedienen - abgesehen vom Universum selbst. Irgend etwas ist diesen Denkern heilig, aber sie bezeichnen es nicht als Gott; sie nennen es vielleicht Leben, Liebe, Gottheit, Intelligenz, Schönheit oder Menschlichkeit. Bei allen Unterschieden in den tiefsten Glaubensgrundsätzen ist beiden Gruppen die Überzeugung gemeinsam, daß das Leben einen Sinn hat, daß es etwas bedeutet, wenn man gut ist. Aber kann man irgendeine Version dieser Einstellung von Staunen und Absicht angesichts des Darwinismus aufrecht erhalten? Von Anfang an gab es diejenigen, in deren Augen der Darwinismus die schlimmste aller Katzen aus dem Sack gelassen hat: den Nihilismus. Wenn Darwin recht hatte, so glaubten sie, wäre nichts mehr heilig. Oder, grob gesagt: Nichts hätte noch einen Sinn. Ist das nur eine Überreaktion? Welche Auswirkungen hat Darwins Idee im einzelnen - und ist sie überhaupt wissenschaftlich bewiesen oder "nur eine Theorie"? (...) Der innerste Kern des heutigen Darwinismus, die Theorie der auf DNA basierenden Fortpflanzung und Evolution, ist unter Wissenschaftlern nicht mehr umstritten. Sie zeigt jeden Tag ihre Bedeutung und ist entscheidend beteiligt an der Erklärung geologischer und meteorologischer Tatsachen globalen Ausmaßes, mittelgroßer Tatsachen der Ökologie und Landwirtschaft und bis hin zu den neuesten mikroskopischen Tatsachen der Gentechnik. Sie vereinigt die gesamte Biologie und den Werdegang unseres Planeten zu einer einzigen großen Geschichte. Wie der in Lilliput gefesselte Gulliver ist sie unverrückbar, und zwar nicht wegen einer oder zwei großer Argumentationsketten, die vielleicht - in banger Hoffnung - schwache Glieder haben könnten, sondern weil sie durch Hunderttausende kleiner Indizienketten mit praktisch allen anderen Bereichen des menschlichen Wissens verknüpft ist. Man kann sich vorstellen, daß neue Entdeckungen zu dramatischen und sogar "revolutionären" Verschiebungen in der Darwinschen Theorie führen, aber die Hoffnung, daß sie in einem welterschütternden Durchbruch "widerlegt" wird, ist ebenso vernünftig wie die Idee, man werde Kopernikus verwerfen und zu einem geozentrischen Weltbild zurückkehren. (...) Wenn das Gespräch auf den Darwinismus kommt, steigt jedesmal die Temperatur, denn dann steht mehr auf dem Spiel als nur die empirischen Tatsachen über die Entstehung des Lebens auf der Erde oder die richtige Logik der Theorie, die diese Tatsachen erklärt. Eines der kostbaren Dinge, um die es dann geht, ist die Ansicht darüber, was es bedeutet, die Frage nach dem Warum zu stellen und zu beantworten. Darwins neue Sichtweise stellt einige herkömmliche Annahmen auf den Kopf und untergräbt unsere üblichen Vorstellungen davon, was als befriedigende Antwort auf diese uralte und unausweichliche Frage zu gelten hat. Hier fließen Naturwissenschaft und Philosophie völlig ineinander. Wissenschaftler geben sich manchmal dem irrigen Gedanken hin, philosophische Ideen seien bestenfalls Verzierungen oder parasitische Kommentare zu den harten, objektiven Triumphen der Naturwissenschaft, und sie selbst seien immun gegen die Verwirrungen, deren Auflösung die Philosophen ihr Leben widmen. Aber so etwas wie eine philosophiefreie Naturwissenschaft gibt es nicht; es gibt nur eine Naturwissenschaft, die ihr philosophisches Gepäck ungeprüft mit an Bord nimmt. (...) Ich möchte meine Karten auf den Tisch legen. Wenn ich einen Preis für die beste Einzelidee aller Zeiten vergeben sollte, würde ich ihn Darwin verleihen, noch vor Newton und Einstein und allen anderen. Die Idee von der Evolution durch natürliche Selektion vereinigt mit einem Schlag das Gebiet von Leben, Sinn und Zweck mit den Bereichen von Raum und Zeit, Ursache und Wirkung, Mechanismus und physikalischem Gesetz. Aber es ist nicht nur eine ausgezeichnete wissenschaftliche Idee. Es ist auch eine gefährliche Idee. Meine Bewunderung für Darwins hervorragenden Gedanken ist grenzenlos, aber auch ich hänge an vielen Ideen und Idealen, die durch ihn in Frage gestellt zu sein scheinen, und ich möchte sie schützen. Ich möchte zum Beispiel das Lied am Lagerfeuer mit allem, was darin schön und wahr ist, für meinen kleinen Enkelsohn und seine Freunde bewahren, und wenn sie erwachsen sind, auch für ihre Kinder. Auch viele andere großartige Ideen, so scheint es, werden von Darwins Gedanken ruiniert, und auch sie brauchen Schutz. Zu diesem Ziel gibt es nur einen einzigen guten Weg, der auf lange Sicht eine Chance hat: Wir müssen den Vorhang der Vernebelung durchstoßen und die Idee so entschlossen und leidenschaftslos wie möglich betrachten. (...) Dieses Buch richtet sich also an diejenigen, die meine Meinung teilen: Der einzige Sinn des Lebens, um den es sich zu kümmern lohnt, ist derjenige, der unseren energischsten Untersuchungen standhält. Allen anderen rate ich, das Buch jetzt zuzuschlagen und sich davonzuschleichen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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